Entscheidungen unter Zeitdruck, in stressreichen Situationen und bei unvollständigen Informationen gehören zum Alltag in sicherheitskritischen Bereichen wie der Luftfahrt, der Notfallmedizin oder im Einsatzdienst von Feuerwehr, Rettungsdienst oder THW. Gerade in solchen Momenten kann die Qualität einer Entscheidung über Erfolg oder Misserfolg, manchmal sogar über Leben und Tod entscheiden. Im Crew-Resource-Management nimmt das Thema Entscheidungsfindung daher eine zentrale Rolle ein.
Vor allem bei Entscheidungen unter Zeitdruck stellt sich immer wieder die Frage: Verlassen wir uns besser auf unsere Intuition – den sprichwörtlichen „Bauch“ – oder auf analytisches, „kopfgesteuertes“ Denken? Zwei der bekanntesten Wissenschaftler auf diesem Gebiet, Gary Klein und Daniel Kahneman, vertreten hierzu unterschiedliche, aber ergänzende Sichtweisen.
Der US-amerikanische Psychologe Gary Klein hat mit seinem Konzept des Recognition-Primed Decision Making (RPD)-Modells die Rolle der Intuition in Hochrisikoberufen wie Feuerwehr oder Militär untersucht. Seine zentrale These: Erfahrene Einsatzkräfte treffen oft schnelle, effektive Entscheidungen, ohne lange zu analysieren – weil sie ähnliche Situationen bereits erlebt haben. Diese intuitive Entscheidungsfähigkeit beruht auf unbewusstem Wiedererkennen von Mustern.
Ein Beispiel: Eine erfahrene Einsatzkraft hört das Knacken in einem brennenden Haus und entscheidet sofort auf Rückzug – ohne konkret erklären zu können, warum. Später stellt sich heraus: Das Dach stand kurz vor dem Einsturz. Diese Art der Intuition sei laut Klein kein „Magengrummeln“, sondern eine erlernte Fähigkeit durch Erfahrung.
Dem gegenüber steht der Nobelpreisträger und Kognitionspsychologe Daniel Kahneman, der mit dem Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“ berühmt wurde. Er unterscheidet zwei Denksysteme:
- System 1: Schnell, intuitiv, emotional – funktioniert automatisch.
- System 2: Langsam, überlegt, rational – benötigt Aufmerksamkeit und Zeit.
Kahneman warnt: System 1 produziert nicht nur schnelle Antworten, sondern auch systematische Fehler, sogenannte kognitive Verzerrungen (Biases). Besonders unter Stress können diese zu Fehleinschätzungen führen – etwa durch übermäßiges Vertrauen in die eigene Erfahrung, Verfügbarkeitsheuristik oder Bestätigungsfehler.
Die DV 100 bildet aktuell die Grundlage für Entscheidungen im Einsatz und geht vom Führungskreislauf aus. Dieser lässt sich unter Zeitdruck jedoch nur bedingt anwenden.
Rationales, analytisches Vorgehen wird in der Ausbildung als der >>Gold Standard<< geschult. Dies hat mehrere Gründe. Es ist scheinbar sinnvoll, rechtlich haltbar und theoretisch auf alle erdenklichen Situationen anwendbar. Der herkömmliche Standardvorschlag für alle, die nach besseren Entscheidungen streben lautet daher, alle relevanten Handlungsmöglichkeiten zu identifizieren, alle wichtigen Evaluationskriterien zu definieren, die Bedeutung der einzelnen Evaluationskriterien zu gewichten, die verschiedenen Handlungsmöglichkeiten im Hinblick auf jedes der Kriterien zu bewerten, die Resultate tabellarisch zusammenzufassen und sich für den Gewinner zu entscheiden. Nicht nachvollziehbar ist, dass die DV 100 im Abschnitt 3.3.1.1 auf der einen Seite einen vollständigen Vergleich aller Möglichkeiten fordert und auf der anderen Seite die Aussage trifft: „Insbesondere aus der Tageszeit lassen sich Rückschlüsse auf die Anwesenheit von Menschen sowie deren Anzahl und Stimmungslage ziehen.“, was eindeutig einer Heuristik[1] entspricht.
Beispiele aus der Praxis
Die Feuerwehr wird zu einem brennenden SUV alarmiert. Das Stichwort ist Pkw-Brand. An der Einsatzstelle dringt weißer Rauch aus dem Heck des Fahrzeuges. Da kein Fahrer anwesend ist hat der Fahrzeugführer ein „komisches Bauchgefühl“ da es auch anders riecht als er es erwartet und die Wärmebildkamera keine erhöhte Temperatur anzeigt. Daraufhin lässt er von der Polizei das Kennzeichen abfragen. Die Abfrage zeigt das die Kennzeichen falsch sind. Daraufhin wird die Einsatzstelle weiträumig geräumt. Im weiteren Verlauf stellt sich heraus, dass es sich um eine unbekannte Spreng- und Brandvorrichtung (USBV) im SUV handelte [Sweeney.2022].
Durch die sinnvolle Kombination von Mustervergleich (Weißer Rauch, kein Fahrer, anderer Geruch, Wärmebild) und analytischer Vorgehensweise (Welche Optionen habe ich die Gefahr zu bekämpfen? Räumen oder USBV entfernen) wurde der Einsatz erfolgreich bewältigt. Ein rein analytische Vorgehensweise nach DV 100 hätte hier nicht zum Erfolg geführt.
Mustervergleich und Wahrnehmen
Das Field-Manual 101-5 der US-Army enthielt bereits in der Version 2008 einen Abschnitt über intuitive Entscheidungsfindung und auch die schwedischen Streitkräfte versuchen ihren Führungskräften im operativen Bereich ein Werkzeug an die Hand zu geben, mit denen Entscheidungen schneller getroffen werden können, da praktische Entscheidungsprobleme häufig strukturdefekt sind. Dies gilt vor allem für Situationen an der Einsatzstelle, da sich der Entscheidungsvorgang unter Zeitdruck in der Regel auf unzureichende Erkundungsergebnisse stützen muss und die Lage nur auf Grund erster flüchtiger Sinneswahrnehmungen (Sehen, Hören, Riechen, Fühlen) beurteilt werden kann.
Im obigen Beispiel waren es der Rauch und der Geruch die als abweichenden Muster erkannt wurden. Ein anderes Beispiel. Die Einsatzleiterin läuft beim Erkunden um das Mehrfamilienhaus und merkt dabei wie sie mit ihren Stiefeln leicht in der Wiese einsinkt. Ohne große Überlegungen schließt sie daraus das die Drehleiter hier nicht eingesetzt werden kann, da diese zu schwer ist und in der Wiese einsinken würde. Solche „kleinen“ Wahnemungen wie ein Knacken, ein ungewöhnlicher Geruch oder eben ein Einsinken sind Hinweisreize (cues), welche helfen eine schnelle und richtige Entscheidung zu treffen.
Fazit
Bauchentscheidungen sind in der Gefahrenabwehr unvermeidlich – aber nicht unfehlbar. Gary Klein zeigt, dass Intuition bei Erfahrung ein mächtiges Werkzeug ist. Daniel Kahneman erinnert daran, dass gerade unter Stress und Unsicherheit systematische Denkfehler auftreten können.
Die beste Strategie liegt vermutlich in der Kombination beider Ansätze: Intuition nutzen, wo sie fundiert ist – und bewusst gegenprüfen, wo es möglich und nötig ist. Entscheidend ist, dass Einsatzkräfte lernen, wann sie welchem System vertrauen können. Dazu ist die Ausbildung entsprechend zu gestalten. Das Thema Entscheidungstraining muss fester Bestandteil der Ausbildung ab Truppführer sein. Einsatzkräfte sind systematisch in der Erkennung von Mustern zu trainineren, damit sie in zeitkritischen Situationen schnell und richtig entscheien können.
Wenn Sie noch weitere Beispiele kennen, die Sie gerne teilen möchten, schreiben Sie uns eine Mail.
[1]Heuristik bezeichnet eine einfache, meist intuitiv anwendbare Entscheidungs- oder Denkstrategie, mit der man Probleme schnell und mit begrenztem Aufwand lösen kann. Sie basiert auf Erfahrung und „Faustregeln“ statt auf umfassender Analyse aller verfügbaren Informationen. Heuristiken sind besonders in komplexen oder zeitkritischen Situationen hilfreich – können aber auch zu systematischen Fehlern (kognitiven Verzerrungen) führen.